Umsonst

Ein Erdenpilger fleht in Not
ringend im Gebet mit Gott:
„Ich klage dir mein Leidenslied.
Umsonst hab ich mich abgemüht.
Umsonst hab ich so schwer gelitten.
Umsonst war all mein Flehn und Bitten.
Umsonst hab ich in allen Lagen
des Lebens Müh und Last getragen.
Umsonst hab ich mich abgeschunden,
trug bittre Schmach und Pein und Wunden.“

Gott sich nah dem Pilger neigt,
hört seiner Klage zu – und schweigt.
Der Pilger denkt: „Gott ist mir fern,
er hört mich nicht, hat mich nicht gern.“

Eines Tages, als es Zeit,
schlägt die Stund zur Ewigkeit.
Dem Pilger kommt es seltsam vor:
Er steht vor einem grossen Tor.
Es öffnet sich – ein strahlend Licht
berührt sein staunendes Gesicht.
Er schaut in unbekanntes Land.
Ein Engel nimmt ihn an der Hand,
begleitet ihn vor ein Gericht,
hier Gott der Herr, selbst zu ihm spricht:

„Deine Klage – tief und echt –
vernahm ich wohl. - Sprichst du zu Recht?
‚Ich klage dir mein Leidenslied.
 Umsonst hab ich mich abgemüht.

Umsonst hab ich so schwer gelitten.
Umsonst war all mein Flehn und Bitten.
Umsonst hab ich in allen Lagen
des Lebens Müh und Last getragen.
Umsonst hab ich mich abgeschunden,
trug bittre Schmach und Pein und Wunden.’

Umsonst – doch was nicht unerheblich -
nichts von all dem war vergeblich.
Bedenke, in der Ewigkeit,
gilt nicht das Mass der Welt und Zeit.
Menschen Ehre, Gold und Geld –
nichts dergleichen wiegt und zählt.
Göttlich Mass und Lohn allein
zur Erntezeit wird LIEBE sein.
Dein Leben hab ich dir geschenkt
dich behütet und gelenkt.
Mein Sohn um der Erlösung Willen
ward Mensch, mein Wollen zu erfüllen
und starb – allein zu deinem Heil –
Unser Geist ward dir zuteil –
umsonst – doch was nicht unerheblich,
aus Liebe. – War sie dir vergeblich?
Was du in deinem Erdenleben
aus Dank und Liebe hast gegeben,
sei durch die Gerechtigkeit
vergolten dir in Ewigkeit:
Komm, empfange vor dem Throne
des ewgen Lebens goldne Krone
und der Erlösten Festgewand,
das Paradies als Heimatland!“

Marlies Frast, 2010