Die Linde  (Ballade)

Es war einmal ein Baum,
der träumte seinen Traum:
„Ich bin die edle Linde,
wiege sanft im Winde.
Da steh ich stramm und stolz,
hell und weich mein Holz,
recke mich zur Sonne,
Baumkronenpracht voll Wonne,
strotze voller Jugendkraft,
ströme meinen Lebenssaft
dynamisch in die Blätter,
trotze Wind und Wetter
und rühme mich zu jeder Zeit
meiner Sturmstandhaftigkeit.“

Eines Morgens in der Stille –
die Linde stand in grüner Fülle –
kam der Bauer auf sie zu
und sprach: „Wie schön bist du,
wie gesund und stramm und stolz,
du bist fürwahr aus bestem Holz!
Du eignest dich untrüglich
als Möbel-Holz vorzüglich!“

Der Linde nahm es fast den Stand! –
Der Bauer wollte kurzerhand
sie auf die Erde zwingen
und um ihr Da-Sein bringen?

Ihr half kein Jammern und kein Klagen,
übers Jahr ward sie geschlagen.

Die Krone neigt’ sich totenbleich,
mit ihr der Stamm – der Erde gleich.
Das junge Linden-Herz
ächzte laut vor Schmerz
auf ihrem letzten Wege
zu des Bauers Säge.
Jahre strichen übers Land. –
Wer hat die Linde noch gekannt?
Der Bauer nahm die Linde,
um für sein Enkelkinde
die Bretter zu behauen
und als Wiege neu zu bauen.
Aus Meisterhand das Werk vollbracht,
geschnitzt, lackiert in Glanz und Pracht.

Als der Spross im Bettchen schrie,
die Wiege wippt’ voll Energie:
„Wie glücklich ich doch bin –
mein Sein erfüllt noch tiefren Sinn!“


Die Linde  (Elfchen)

Linde –
du bist
grünen Lebens Traum –
Wo liegt dein Sinn?
Wiegenbaum.


Marlies Frast
2008