Wort-Gewichtung
Es fiel mir zu, vorübergehend
einen Insassen ein Stück seines Weges zu begleiten.
Er war von liebenswürdiger Art,
zugleich alles andere als einfach.
Ich empfand ihm gegenüber
grundsätzlich Sympathie und Akzeptanz.
Als Mensch in seinem Geworden-Sein war er mir wichtig.
So liess ich mich denn gerne auf ihn ein,
liess mich ein auf
regelmässige Gespräche
präsentes Zuhören
bewusstes Bemühen um aufmerksame Zu-wendung
einfühlsames Aushalten seiner verbalen Umschweife,
seinen Punkt nach 100 Kommas als Lücke nutzend,
um auch selbst zu Wort zu kommen –

seine Worte
meine Worte
Ebbe und Flut eines Wort-Meeres
rauschen im Wellenrhythmus der Sprache -

erwägen
ermutigen
rückfragen
geduldig erklären
übermütig schäumende Brandung im Gesprächs-Fluss
in gute Bahnen lenken
im Warten auf eine Möglichkeit des Innehaltens
auch eigenes Kribbeln aushaltend –
Thema-Wechsel
Wort-Wechsel
auf Wellen-Länge verbindlich beim Wort nehmen -

Begleitung -
anspruchsvoller Wellen-Gang
strukturieren
konfrontieren
reflektieren
stehen lassen
über-lassen
Ausuferndes auf den Boden der Realität holen
Wellen glätten in Balance von Wohlwollen und Konsequenz -

Beim letzten Gespräch
erhielt ich unverhofft sein spontanes Feedback
schwergewichtig zu meinen Worten
die ihm am meisten unter die Haut gingen,
die ihn am tiefsten berührt hätten.
Jetzt war ich gespannt, was er zur Sprache bringen würde…
Aus der ganzen Wort-Fülle
zitierte er einen einzigen Satz -
fünf meiner Worte, die er nie mehr vergessen würde:
„Sie sind mir nicht egal!“
Diese Worte
habe noch nie jemand zu ihm gesagt.
Fünf an sich banale Worte
spontaner Ausdruck meiner Leidenschaft
hatten seine Haut durch-drungen
wogen für ihn weit mehr als ich erahnen konnte -
be-wogen ihn
mir zu vertrauen, wie er sagte.
Wort-Gewichtung. -
Mir fehlten Worte für eine Ant-Wort.
Verblüfft sass ich sprach-los da.

Marlies Frast
2007