Einführung zu Weihnachtstexten


In unserer Zeit des Wohlstandes und Überflusses habe ich in meinem privaten Umfeld materielle Weihnachtsgeschenke anfangs der 80er-Jahre abgeschafft, da mir schien, dass sie mehr zu adventlicher Geschäftigkeit und Hektik beitragen und vom eigentlichen Weihnachtsgeschenk – dem uns geschenkten Kind in der Krippe – ablenken. Stattdessen wollte ich die mir nahe stehenden Menschen, Verwandte, Bekannte und Freunde zum Weihnachtsfest mit einem persönlich verfassten Text beschenken. In diesem Ansinnen ist durch all die Jahre hindurch bereits eine kleine Sammlung von Weihnachtstexten entstanden. Dabei lasse ich mich inhaltlich davon leiten, wie mir im jeweiligen Jahr das Weihnachtsgeheimnis innerlich aufleuchtet. In diesem Nachdenken – meist in den vor-adventlichen Novemberwochen - tritt oft eine bestimmte Thematik in den Vordergrund oder ich bin in Gedanken bereits bei bestimmten Menschen, die als Adressaten vorgesehen sind.


Weihnachten 1992
Über viele Jahre hegte ich in mir den tiefen Herzens-Wunsch, einmal im Leben in der Heiligen Nacht vor dem „Geburtsstern“ in der Grotte der Geburtskirche von Betlehem zu knien. In der Heiligen Nacht 1991 wurde dieser Wunsch Wirklichkeit: Nach der Christmette in der Dormitio-Kirche in Jerusalem nahmen wir die ca. 8 km Weg nach Betlehem unter die Füsse, um nach beschwerlichem Marsch in eiskalter, regennasser Winternacht gegen 4 Uhr morgens an der Stelle knien zu dürfen, von dem der in den Boden eingelassene Silberstern aus dem Jahre 1717 berichtet: „Hier wurde aus der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren.“
Diese Erfahrung mit „dem Geburtsstern“ berührte mich innerlich so tief, dass der Weihnachtstext im darauf folgenden Jahr noch von diesem unvergesslichen Erlebnis erfüllt war.

Die Erfahrung dieser Nacht hat mein Leben nachhaltig und bleibend geprägt: Allein die Vorstellung, in der Nässe und Kälte, die ich samt Daunenjacke und guter Ausrüstung am eigenen Leib verspürte, in einem Viehunterstand - ohne Nahrung, Wärme und fremde Hilfe - ein Kind zu gebären, entledigte mich radikal aller hierzulande gepflegten romantischen Weihnachtsidylle in kitschigem Glanz und Glimmer, im Überfluss von Delikatessen und Bergen von Geschenken. – Desillusioniert erkannte ich: Das unermessliche Geschenk von Weihnachten, in dem sich Gott selbst aus unverdienter Liebe uns Menschen um unseres Heiles Willen schenkt, ist etwas grundlegend anderes als die daraus entwickelte gott-lose Perversion unserer Konsumgesellschaft, deren rein materielle und kommerzielle Interessen dieses immaterielle Geheimnis entweihen und aus dem Bewusstsein verloren haben.


Weihnachten 1999
In unserer Gesellschaft des Sein-, Gesehen-Sein und Scheinen-Wollens war ich innerlich zutiefst ergriffen über die Pädagogik Gottes: den einfachen, in der Gesellschaft unbedeutenden, landläufig verachteten Hirten, kommt das Weihnachtsgeheimnis offenbar am nächsten… Wie? – Darüber berichtet der Text und beleuchtet – für den Leser vielleicht unbemerkt – kritisch notwendige Grundhaltungen zur Gotteserfahrung in unserer heutigen  Zeit von Managern und „Machern“, in der die „Grossen der Zeit“ in Stolz und Überheblichkeit auftreten.


Weihnachten 2005
Anhand biblischer Texte beschäftigt mich öfters, welche Menschen auf welche Weise persönlich Gott begegnen. – Wer wird direkt in die Geburt Jesu mit einbezogen? Welche Haltungen sind es, die wir an diesen Menschen beobachten können?
Mit den Hirten hatte ich mich bereits früher vertieft auseinandergesetzt. – Aber können nur ungebildete Menschen der unteren sozialen Schicht Gott begegnen, ihn existenziell erfahren? – Wie sind diese Tatsachen in unsere heutige Zeit hinein zu deuten? Sind Gebildete und Wohlhabende von Gott benachteiligt,  von der Begegnung mit ihm ausgeschlossen? – Oder haben auch sie eine Chance, dem Weihnachtsgeheimnis auf die Spur zu kommen? –
Aus dem Bericht der hl. Schrift, wonach nicht nur die Hirten, sondern auch die 3 Könige bzw. die 3 Weisen dem Kind begegnen durften,  empfand ich es als grosse Ermutigung und Einladung Gottes, dass auch Menschen mit dem Entwicklungsstand unseres 3. Jahrtausends nach Christus die Türe zum Heil grundsätzlich offen steht. – Welche Haltungen sind es, mit denen sie zu diesem Heil gelangen können?

Die Magier verstanden sich auf die hohe Kunst der Stern-Deutung. Sie waren Weise, die nicht selbst-gefällig nur auf sich blickten, sondern über sich hinaus auf-blickten zum Himmel und aus ihrer Gesamtsicht am Firmament die Stern-Konstellation zu erkennen vermochten, welche die Geburt des Messias ankündigte. Sie gaben sich mit ihrer Wissenschaft allein nicht zufrieden oder nährten daraus ihren Stolz, sondern ihre Sehnsucht nach diesem Messias im Herzen drängte sie zum Aufbruch. Die eigentliche „Stern-Stunde“ wurde ihnen in der Begegnung mit dem Kind geschenkt, das ihr Leben zu verändern vermochte…
Äusserlich zwar grund-verschieden, zeigen die Könige an der Krippe die selbe Haltung der Demut und Hingabe wie die Hirten: Sie beugen ihre Knie und beten den Messias an. Ausser Ihm huldigen sie keinem anderen Gott - oder Götzen. In ihrer persönlichen Begegnung mit dem Kind wird Glaube zum Schauen, Hoffnung zur beglückenden Erfüllung und Wissen zur Weisheit. Ihre Zukunft wird zum Heils-Weg.


Weihnachten 2006
Der Gedanke der Begegnung an der Krippe rückt wiederum zentral in den Vordergrund, geht es doch seit mehr als 2000 Jahren entscheidend darum, wie aus dem historischen Ereignis der Geburt Jesu der Schritt zur „Christus-Geburt“ im Herzen des Menschen gelingen kann.

Die biblischen Gestalten der Hirten und Weisen als Menschen guten Willens im Bezug resp. im Spannungsfeld zum heutigen Menschen unserer in Gigantismus und Luxus schwelgenden Konsumgesellschaft. Die in diesem Kontext sich noch bietende Möglichkeit zu einer persönlichen Begegnung mit dem Kind in der Krippe – um die es ja heils-not-wendig für jeden Einzelnen geht - wird zu einer kritischen Anfrage an jeden von uns selbst.
Voraussetzung ist immer wieder das persönliche Suchen und Sich-Einlassen auf das Geschenk seiner Menschwerdung.
Keiner ist von der Möglichkeit dieser Begegnung aus-geschlossen. Diese Chance steht mir immer wieder in der Betreuung von Straftätern, welche alle erdenklichen Delikte verübt haben, als Zusage unseres christlichen Glaubens vor Augen:
für Last-Gebeugte Lebens-Sinn,
aus Schuld und Irr-Weg Neu-Beginn…
Es gibt kein Menschen-Leben, dem nicht – trotz allem, was immer geschehen sein mag - diese persönliche Zusage der Begegnung an der Krippe für sein unverlierbares Heil offen steht.
Das Weihnachtsfest stellt jeden von uns vor die entscheidende Frage:
Sehne ich mich nach „mehr im Leben“, nach dem, was die kurz-fristigen und kurz-sichtigen Versprechungen unserer Werbe-Slogans übersteigt?
Sehne ich mich nach Heil und Erlösung?
Bin ich in meinem Herzen offen für die auch heute neu geschenkte Begegnung mit dem Kind in der Krippe – oder war seine historische Geburt für mein Leben vergeblich?


Weihnachten 2007
Seit Monaten leuchtete mir innerlich die Weihnachts-Thematik 2007 auf: Schöpfung und Dienst der hl. Engel und ihre Präsenz in Betlehem. Sich einem so grossen Geheimnis – der Menschwerdung wie der Welt der hl. Engel – zu nähern, bedeutet die ungeheure Herausforderung, in armselige Worte zu fassen, was im Tiefsten bewegt… Es gilt dabei, um menschliche Worte zu ringen.

Der Weihnachtstext gliedert sich inhaltlich in 3 Teile: 1. geistige Schöpfung, Wesen und Dienst der Engel allgemein, 2. Engel im Geheimnis der Menschwerdung und als Drittes der persönliche Bezug von Mensch und Engel im Geschehen von Betlehem.
Im Herantasten an dieses unfassbare Heils-Geheimnis schien mir passend, den Text formal mit der Zahl 7 zu verweben: Die Sieben gilt in der Heiligen Schrift als heilige Zahl und bedeutet Ganzheit, Heil, Vollkommenheit.
Der Weihnachtstext 2007 gliedert sich dementsprechend in 7 Strofen, jede Zeile wurde auf 7 Silben ver-dichtet – was für mich bei der Fülle, die es zu erwähnen gäbe, ein hoher Anspruch bedeutete.
Das Weihnachtsgeheimis als Geschenk unseres Heils und unserer Erlösung steht im Mittelpunkt, im Zentrum. Es beginnt daher genau in der Mitte des 7-strofigen Textes mit der 4. Strofe, analog zur Aussage der Heiligen Schrift:
„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau …, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.“ Gal. 4,4
„Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist.“ Eph. 1,10.
Nach Gottes Heilsplan bricht mit der Menschwerdung Seines Sohnes die „Fülle der Zeiten“ an. Weihnachten steht also im Zenit des Heils - was die Textstruktur bewusst aufnimmt.